Ein Gespräch mit Michael Pfitzner und David le Viseur

Wie kam es zu den Bildern?
– Im Lager eines Fotoequipment-Verleihs haben wir einen UV-Blitz entdeckt, den seit 10 Jahren niemand ausgeliehen hat. Und das war die Initialzündung: Was wäre, wenn man die Komponenten, aus denen ein Foto besteht, neu zusammensetzt? Was, wenn man bestimmen kann, welches Licht wie reflektiert wird?
– Daraus entwickelte sich dann unsere Schminktechnik, die eher etwas mit Malerei zu tun hat, als mit Make-up
– Und dann haben wir mit der Beleuchtung experimentiert. Kleine UV-Lampen in die Hand genommen, Spezialfilter, manuelle Beleuchtung und Belichtung, manuelle Belichtungszeit…
– und dann kam die Bewegung der Person ins Spiel.
– und unsere beim fotografieren.
– Und das Lustige ist: Den UV-Blitz, den haben wir noch gar nicht verwendet! Das, wozu er uns inspiriert hat, ist viel interessanter!

 

Was ist das Besondere an UV-Licht?
– UV-Licht hat unglaubliche Eigenschaften! Die wichtigste ist: Man sieht es nicht! Und doch zeigt es einem dann in der Kamera eine neue Welt.
– Das ist wie in der Astronomie, wo man energiereichere Prozesse nur im UV sieht, und auf einmal sieht die Milchstraße völlig anders aus
– oder das Kleid des Mordopfers, auf dem man Spermaspuren entdeckt.
– Man vergisst immer, dass wir 99% des elektromagnetischen Spektrums, also des Lichtes, nicht sehen. Dass wir immer, wenn wir sehen, zu 99% blind sind. Blind für Realitäten, die beschlossen haben, sich nur in einem anderen, uns nicht zugänglichen Bereich zu zeigen.
– Und das heißt auch: Wir sehen nicht was die Kamera sieht, obwohl wir das immer annehmen.
– Und das ist ein großes Problem in der Fotografie: Diese überwältigende Verführung, die jedem Foto innewohnt: Anzunehmen, dass es den abgebildeten Gegenstand wirklich gibt. Diese Sucht nach dem Realen, die oft eine Faulheit ist: Geh mir nicht auf den Wecker mit Mehrdeutigkeiten! Verwirr mich nicht! Ich will nichts über den Wahrnehmungsprozess wissen!

 

Aber was ist der photographische Gegenstand? Beziehungsweise: Was ist der Gegenstand der Photographie?
– Das ist die interessante Frage! Licht wird über eine gewisse Zeit und in bestimmter Form abgestrahlt und hinterlässt dann Spuren in einem Medium. Und dann rekonstruiert unser Gehirn eine Szene, Objekte, Emotionen und Bedeutungen. Das ist keine einfache 1-zu-1 Abbild-Relation. Und in unserem Fall sieht man genau das. Der Referenzpfeil zeigt nicht mehr nur auf einen äußeren Gegenstand in der Welt. Sondern er zeigt auf die Zeit, die Bewegung, den Aufzeichnungsprozess und ganz besonders: Auf den Betrachter.
– Zwei Bekannte haben sich ne Stunde lang darüber gestritten, was das jetzt wirklich ist auf dem Bild. Und mich dann angerufen, spät in der Nacht, ich solle nun entscheiden wer Recht hat. Ein wunderbares philosophisches Missverständnis! Schon anzunehmen, es müsse eine Antwort geben. Das ist genau die Realitätssucht, die Fotografie auslöst.
– Und Fotografie kann die wiederum zeigen: Wenn ein Maler das Bild gemacht hätte, dann kann man sich zurücklehnen und sagen: das ist halt abstrakt, das ist so von dem gewollt. Aber hier ist es nicht ein Künstler, der etwas verfremdet, sondern die Kamera tut ihr Ding. Das können wir nicht kontrollieren.
– Es ist Malerei ohne Malerei.
– Die Dunkelkammer ist bei uns vor der Kamera!

 

Fotografiert ihr digital?
– Wir fotografieren digital, aber das ist trotzdem ein, wenn man so will, organischer Vorgang. Auch CMOS-Sensoren haben eine Seele! (Obwohl es natürlich keine Seelen gibt.) Man sieht, wie der Sensor kämpft, rauscht, Aussetzer hat, wie er Sachen zusammenfasst, vergisst, ausblendet: Er kämpft, ein Bild zu bekommen. Er ist ja dafür nicht gemacht.
– Aber das ist bei uns auch so! Es wird interessant, wenn man etwas tut, wofür man nicht gemacht ist.

 

Und die Bilder entstehen ohne digitale Montage?
– Ja! Es ist eine Art von gelenktem Zufall…
– Das Spiel mit dem glücklichen Zufall ist ganz wichtig. Francis Bacon hat das herausgefunden: Ein Bild wirkt umso stärker, je unabsichtlicher, irrationaler es entsteht. Um diesen glücklichen Zufall herum haben wir unsere “Technik” entwickelt. Aber das ist eher wie ein Regentanz. Abergläubische, intuitive Dinge…und dann passiert etwas völlig anderes. – Die Komposition, die Texturen, die Emotionen. Das ist alles nicht kontrolliert. Deshalb ist es wie ein Geschenk. Ein Geschenk, das uns der Mensch, den wir fotografieren, das Licht, die Kamera, macht.
– Wenn ich normalerweise Fotos sehe, dann ist es oft, als ob ich all das Wollen hören kann. Wir wollen das Make-Up so, das Licht so, das Kostüm, das Model, der Look, die Retusche…hunderte Stimmen, die “Ich will!” schreien. Deshalb ist es so eine Erlösung, dass das Wollen ziemlich irrelevant wird.

– Es ist so merkwürdig, die meisten Leute fragen sofort: Wie habt ihr das gemacht? Das kommt wie ein Reflex. Als ob die alle Künstler werden wollen. Oder Physiker.
– Man klammert sich am Prozess fest, der zum Bild hinführt, aber das Interessante ist doch, was danach passiert: Was macht das Bild beim Betrachter? Das ist es, worum es eigentlich geht. Ist aber schwieriger drüber zu reden.
– Die Frage nach der Technik ist wie eine Übersprungshandlung: Wenn die Katze weder fressen noch raus kann, leckt sie sich die Eier.
– Weil man dann nicht über das Wichtige reden muss.

 

Mir ist aufgefallen, dass man in den Bildern neue Dinge sieht, wenn man länger kuckt…
– Ja, man sieht andere Dinge je nach Betrachtungsabstand, und worauf man sich konzentriert. Und es ist ein anderes Bild, wenn man es in grellem Sonnenlicht oder bei Kerzenschein betrachted.
– Die Frage ist: Wie lange dauert ein Bild?
– Die meisten Bilder gehen viel zu schnell. Ach, das ist so…verstanden…abgehakt. Langweilig. Wir wissen inzwischen zu viel über Bilder. Wir haben alle eine Hornhaut auf der Hornhaut.

 

Wie kriegen wir die weg?
– Ich bin mir nicht sicher, ob es dafür ein Rezept gibt. Es mag passieren. Die erste Person, die man überraschen muss ist man selber. Was in etwa so ist, wie sich selber zu kitzeln. Je größer die Distanz zwischen Absicht und Wirkung ist, desto besser gelingt das.
– Wir haben etwas merkwürdiges bei einem unserer ersten Shootings bemerkt. Wir haben mit einer wunderbaren, lustigen, selbstbewussten Schauspielerin gearbeitet. Sie ist wirklich niemand, der mit visuellen Dingen leicht zu beeindrucken ist. Sie weiß wie ein Dreh geht. Und zwischendurch hat sie die Bilder auf dem Rechner gesehen, und es war als ob sie einen Geist gesehen hätte, hat fast geweint, konnte es aber nicht formulieren.
– Manchmal fühlt man sich wie ein Metzger, wenn man photographiert.
– Vielleicht ist es die ungewohnte spontane Kombination von Verletzlichkeit, Schönheit, Gewalt, Sex, Verfall und Tanz.

– Die Bewegungen führen zu knochenartigen Strukturen, das Innere scheint sich nach außen zu kehren. Manchmal entsteht so etwas wie ein Exo-Skelett. Wie ein Cyborg. Ist der Mund offen, sieht man einen Schrei. Man sieht dann ins Innere des Kopfes.
– Und das kann erschütternd sein, oder auch komisch und befreiend. Das junge Mädchen: hart und voll Gewalt, der Mann mit Brüsten…
– Und da wir während eines Shootings die Bilder auch ansehen, gibt es diesen Feedback-Loop der Emotionen.
– So haben wir auch herausgefunden, dass es wirklich Portraits der Menschen sind, Portraits in einem besonderen Sinn: Denn es sieht immer anders aus, je nach dem, wie sich dieser Feedback-Loop einschwingt und wie das die Stimmung, die Bewegungen und den Rhythmus der Person verändert.

– Nach jedem Shooting haben wir beide eine Art Nachglühen…Man will schlafen, macht die Augen zu und dann geht es los! Das Gehirn produziert die Bilder weiter, in rasender Folge. Irgendetwas scheint an den Bildern zu sein, das dazu führt, dass sie der visuelle Cortex geradezu aufleckt, und sie dann zum eigenen Vergnügen wieder ausspuckt.
– Ich vermute ja, dass das die Verbindung zu Francis Bacon ist. Klar sehen die Bilder manchmal etwas nach Bacon aus. Ist uns auch aufgefallen! Ist aber, bei aller Liebe zu Bacon, keine Absicht.
– Die Frage ist: warum hat Bacon etwas gemalt, das wir fotografieren?
Weil: wir könnten auch mit der größten Absicht nicht fotografieren, was Bacon gemalt hat. Vielleicht gibt es einen gemeinsamen Ursprung, nämlich das, worauf unser visuelles System steht.

 

Ist es nicht problematisch, wenn etwas in diesem Sinne zu gut funktioniert?
– Ja, das ist doch eines der Grundthemen der Malerei der Moderne und Postmoderne: der Kampf des Künstlers mit den biologischen und kulturellen, den reflexhaften Erwartungen der Betrachter. Sich selbst eingeschlossen.
– Ja, etwa so: Ach ja, du willst Ölfarbe? bunte Farben? nackte Frauen? eine nette Landschaft? Kriegst du! Du reaktionäre Sau! Ha! Ich geb dir das hier: Eine schwarze Leinwand, einen Müllhaufen, eine Suppendose, und so weiter…So entsteht dieses schöne, leicht sado-masochistische Spiel, das man moderne Kunst nennt.
– Wir sollten einen Aufkleber drauf tun, auf dem steht: Alle Genitalien, die sie in diesen Bildern sehen, entspringen nur ihrer eigenen Fantasie.
– Ja, man soll Bilder nie nur als Wichsvorlagen für die eigenen Assoziationen benutzen. Das sind keine Rorschach-Tests fürs aussterbende Bürgertum! Es reicht nicht, verträumt im eigenen Assoziationssaft zu planschen. Denn dann sind wir brave Konsumenten unserer ästhetischen Reflexe, Wünsche und Sehnsüchte, und damit verführbar. Damit Verführung wirklich funktioniert, muss sie unbewusst sein. Also…

– Als ich klein war, bin ich im Urlaub immer den Strand auf und ab gerannt, und habe mit verdrehtem Oberkörper meinen Beinen beim Laufen zugesehen. Ich war fasziniert. Meine Familie dachte, ich bin bekloppt. Genauso, wie mich meine Beine beim Laufen fasziniert haben, fasziniert es mich meinem Gehirn dabei zuzusehen, wie es Bilder sehen möchte.
– Und das ist es, was man mit unseren Bildern machen kann: Sich selber beim sehen zusehen. Beim sehen wollen. Und dann kann man spielen!

 

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